Exklusiv: Matthias Schrader zur Debatte um die digitale Kompetenz in Deutschland

by Johannes on 13. Oktober 2011

Er ist überall zu finden, ob auf Facebook, Twitter oder Google+. Und seit heute Morgen auch wieder einmal mit einer knackigen Aussage, die sich darauf reduzieren lässt: Die Politik hat keine Ahnung von der digitalen Kommunikation, die heutzutage Gang und Gäbe ist. Ich habe Matthias Schrader, CEO der Digitalagentur SinnerSchrader, kontaktiert, um ihn dazu selbst kurz zu sprechen…

Johannes Lenz: Moin moin Herr Schrader. Es freut mich sehr, dass sie kurzfristig Zeit haben für ein kleines Gespräch. Wie ist das Wetter an der Waterkant?

Matthias Schrader: Kein Grund zur Klage: Der Herbst ist gerade schöner als der Sommer.

Johannes Lenz: Seit heute Morgen sind Sie ja auf allen Kanälen, ob Print oder digitaler Natur, im Gespräch. Wussten Sie, dass aus ihrer Pressemitteilung vor allem der letzte Absatz (u.a. “Viele Politiker sind digitale Analphabeten”) Interesse wecken würde oder überraschen Sie die Reaktionen auf Facebook & Co.?

Matthias Schrader: Offen gestanden wundert mich das nicht wirklich. Denn ich bin ja nicht der einzige, für den das Maß voll ist. In der Branche ist es doch schon lange so, dass man sich fragt: Wissen die Entscheidungsträger eigentlich, was die Digitale Wirtschaft wirklich bewegt? Wenn es um Unternehmen geht, wird reguliert und reguliert. Geht es um die Sicherheitsbehörden, ist jedes Mittel recht. Grotesk.

Johannes Lenz: Die Branchenmagazine Horizont und W&V haben bereits über Ihre Aussagen berichtet. Letztere stellen Sie in eine Reihe mit den Aussagen von Philipp Schindler (CEO Google Nordeuropa) in der Tageszeitung Die Welt oder Sascha Lobo mit seiner gestrigen Mensch Maschine Kolumne auf Spiegel Online. Sehen Sie sich dort zu Recht verortet?

Matthias Schrader: Klar. Und ich würde mich freuen, wenn noch mehr Menschen einstimmen würden. Es geht doch letztlich um die Frage, wie wir jetzt die Weichen stellen für das Digitale Zeitalter. Gesellschaftlich, aber auch wirtschaftlich. Und da besteht Anlass zur Sorge. Die politische Debatte in Deutschland ist irrational, in Zügen hysterisch. Und so sehen dann auch die politischen Initiativen aus. Im Ausland wird Digitalisierung als Chance begriffen. Hierzulande als Gefahr. Über unsere Zukunft entscheiden Menschen, die nicht wissen, was sie tun. Wenn wir nicht umlenken, werden wir dafür die Quittung bekommen.

Johannes Lenz: Warum meinen Sie hat die Politik eigentlich keine Ahnung von der digitalen Kommunikation und wie entstehen für die Republik daraus konkret Standortnachteile? Es gibt doch zahlreiche Initiativen, innovative Unternehmen werden gefördert, die Bundesregierung trifft man im Netz usw. Es ist doch längst nicht der Fall, dass digitale Unternehmen wie Google & Co. planen, Investitionen in Deutschland zurückzufahren. Der Leser könnte auf die Idee kommen, das hier wieder einmal eine “Sau durchs digitale Dorf getrieben” wird…

Matthias Schrader: Naja, die Kampagnen kommen bislang eher aus der Politik. Das Perfide ist ja, dass sich die Politik in Sachen Technologie und Datenschutz als Beschützer von Bürgerinteressen geriert. Das Böse wird in Unternehmen vermutet – und gleichzeitig werden durch Gesetzgebung und Schlamperei eben jene Persönlichkeitsrechte unterwandert. Wenn das Klima einmal vergiftet ist, nützt auch die schönste Wirtschaftsförderung nichts. Es geht doch genau um den Unterschied von Sonntagsreden und tatsächlichem Handeln. Für uns von SinnerSchrader heißt das bislang ganz konkret: Der E-Commerce ist schon jetzt überreguliert. Im Online-Media-Geschäft droht uns mit dem Quasi-Verbot zielgerichteter Werbung der Rückfall in die prädigitalte Steinzeit. Für Werbetreibende ist das eine Katastrophe. Und dem deutschen Endkunden droht nun auch im Netz eine Service- und Komfortwüste.

Johannes Lenz: Wenn Sie Recht haben und Ihre Diagnose zutreffend sein sollte: Was können wir, SinnerSchrader und GREY, die wir digitale Kommunikation leben, befördern und realisieren, dazu beitragen, das Ihre Diagnose bald ihre Daseinsberechtigung verliert?

Matthias Schrader: Puh, ehrlich gesagt, habe ich wenig Hoffnung, dass sich an dieser Entwicklung durch eine Debatte etwas ändern wird. Ich wollte nur mal meiner Frustration Luft machen.

Johannes Lenz: Herr Schrader, haben Sie vielen Dank für das Gespräch. Sollten Sie demnächst in Düsseldorf sein, kommen Sie doch einmal in der Ideenbotschaft vorbei. Auf Sie wartet ein frischer Espresso ;).

Matthias Schrader: Mache ich gerne. Gruß nach Düsseldorf!

44 comments
SaschaStoltenow
SaschaStoltenow

Wenn ich mir die Biographien vieler Gründer in den USA anschaue, ist vor allem die restriktive Einwanderungspolitik Deutschlands der entscheidende Standortnachteil. Und dass wir kein Englisch sprechen und unser Militär weniger offensiv einsetzen, finde ich so falsch nicht. Wer außerdem glaubt, die USA seien weniger reguliert, dem empfehle ich ein ausreichend langes Lebenspraktikum eben dort.

SaschaStoltenow
SaschaStoltenow

Nehmen wir mal für einen Moment an, die Diagnose von Mathias Schrader stimmt, und wir werden von digitalen Analphabeten regiert. Was bedeutete das, und was wäre zu tun? Es bedeutete, dass es für einen Großteil der Wähler nicht die "Computer Literacy" der von ihm Gewählten entscheidend ist, und diejenigen, für die das relevant ist, geben u.a. den Piraten ihre Stimme. Das wiederum bedeutet, dass unser politisches System funktioniert, wenngleich es einige Stimmen gibt, die sagen, mit der digitalen Kompetenz der Piraten sei es auch nicht soweit her.

Was also wäre zu tun? Wie überall, wo man Defizite vermutet, könnte man versuchen, sie zu vermindern, hier also Politiker weiterzubilden, denn dann, so verstehe ich Schrader, würden sie bessere Entscheidungen treffen. Der übliche Weg in imperfekten Informationsmärkten, dieses Defizit auszugleichen, ist Lobbyismus. Allerdings scheint das Urteil über die entsprechenden Verbände, das hier in den Kommentaren gefällt wird, nur wenig freundlicher zu sein, als das Schraders gegenüber den Politikern. Insofern zweifle ich daran, dass er ernsthaft daran interessiert ist, Politiker schlauer zu machen.

Und überhaupt: welche Entscheidungen würden diese schlaueren Politiker fällen? Und wenn es sie bereits in der Vergangenheit gegeben hätte, wären Apple, Google, Microsoft und Facebook in Deutschland gegründet worden?

Mir ist dieses Politik-Bashing zu einfach, vor allem angesichts der Aufgaben, die wir zu lösen haben. Gegenseitige Beschimpfungen - ja, das kann ich auch gut, es ist aber vermutlich zu wenig und falsch - helfen da nur bedingt.

MarcoRipanti
MarcoRipanti

Die Meinung vorn Matthias Schrader vertreten sicher einige bis sehr viele. Startups und etablierte Unternehmen leiden massiv darunter, dass man sich (meiner Meinung nach) gar nicht mit den neuen digitalen Möglichkeiten und Begebenheiten beschäftigen möchte.

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SaschaStoltenow
SaschaStoltenow

Wenn ich mir als Alternative vorstelle, von einem digitalen Oberchecker wie Matthias Schrader regiert zu werden, bin ich fast um jeden Analphabeten in Berlin und Brüssel froh. Ich will die Probleme verkennen noch beschönigen, aber ich sehe die schnelle öffentliche Diskussion über die kritischen Themen als Erfolg einer rasch kompetenter werdenden Gesellschaft. Schraders Verbalinjurien zeigen dahegen sehr deutlich, dass ein seinen Partikularinteressen folgender Unternehmer nicht geeignet und wohl auch nicht daran interessiert ist, um ernsthaft an der Gestaltung gemeinwohlorientierter Prozesse mitzuwirken. Talk is cheap.

PatrickBreitenbach
PatrickBreitenbach

Wie bereits Herr Kruse vor 2 Jahren auf der re:publica konstatiert hat: Es mangelt an einer vernünftigen und sachlichen Debatte. Der digitale Graben ist noch zu groß und "Frust ablassen" wie hier geschehen führt nicht dazu eine Brücke zu bauen, ganz im Gegenteil, jeder zieht sich in sein Schneckenhaus und Elfenbeinturm zurück.

Beide Seiten müssen bereit sein zuzuhören und zu lernen. Das gilt auch für die sogenannte digitale Wirtschaft, ie ich nicht unmittelbar gleichsetzen würde mit der eCommerce-Branche, die ja selbst noch mal ein ganz anderes Interesse hat als beispielsweise digitale Verlage oder Bildungseinrichtungen. Nur weil die Politik einen nicht mehr zeitgemäßen Verbraucherschutz fordert, heißt das nicht automatisch, dass wir den Verbraucherschutz im Netz komplett aufheben.

Ja, Lobbyismus ist sicherlich der konventionelle Weg um Interessen in die Politik zu tragen, wesentlich einfacher wäre es jedoch wenn einige Unternehmer den Arsch in der Hose hätten, selbst Politik zu machen. Seltsam das das so wenige tun. Politik ist in erster Linie Gestaltung und Verantwortung und nicht ein Erfüllungsgehilfe für die Realisierung eigener Interessen. Politik handelt im Auftrag einer Gesellschaft und tanzt nicht nach der Pfeife von irgendwelchen Interessensverbänden (sollte sie jedenfalls nicht).

Solange also Unternehmer immer nur fordern oder motzen und nichts MACHEN und sich selbst auch nicht den Ängsten einer Gesellschaft empathisch stellen, solange sie Klick- und Verkaufszahlen im Kopf haben und nicht den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang, solange haben sie aus meiner Sicht auch keine wirkliche Veränderung verdient.

Aufgrund der deutschen Geschichte mit zwei aufeinanderfolgenden Diktaturen UND der gleichzeitigen wirtschaftlichen Power ist dieses Land wesentlich sensibilisierter für politische Entscheidungen als jedes andere Land auf der Welt. Und es wirkt dadurch eben auch in ihren Handlungen wesentlich konservativer.

Ansonsten sehen wir ja sehr deutlich, was bei unterregulierten Märkten gerade so passiert.

ChristophSalzig
ChristophSalzig

Hmm, so schieben wir die Debatte aber nicht an. Ich weiß, dass das unpopulär ist, aber an der Stelle will ich wenigstens mal darauf hinweisen, dass es so etwas wie den BVDW gibt. Das Thema ist für meine ehemaligen Kollegen ja nicht neu, vielleicht ermuntert das ja das Präsidium nochmal nachzukarten. Die Medien sind ja nur ein Teil. Wichtig wäre doch, dass die Diskussion Berlin erreicht, damit eine sachliche Debatte zwischen der Digitalen Wirtschaft einerseits und der Politik andererseits stattfindet. Am besten öffentlich!

GREY_Blog
GREY_Blog moderator

@NicoLumma ob es @MatthiasSchrader nur um die Befreiung vom Frust ging, wage ich mal zu bezweifeln ;) Stellt sich nicht eher die Frage, wie der Diagnose, wenn sie den zutreffend ist, begegnet werden kann?

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  1. [...] Lenz von der Werbeagentur Grey hat übrigens Herrn Schrader zu seinem Statement interviewed. Hier ein paar Zitate: Im Ausland wird Digitalisierung als Chance begriffen. Hierzulande als [...]

  2. Deutsche Politiker sind böööse. Oder vielleicht doch nicht….

  3. [...] Ist es tatsächlich so, wie es Matthias Schrader im Oktober letzten Jahres formulierte, dass “viele Politiker digitale Analphabeten” sind? Bringen Debatten um digitale Kompetenz, um die Auslotung von Wegen zur Verringerung [...]

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