Social Media: Es geht ums Ganze

by Johannes on 19. September 2011

Nachdem ich vor einer Woche meine Meinung zur Diskussion um Blogs in den Ring geworfen habe, widme ich mich heute der aktuellen Diskussion um Social Media. Der Hype ist vorbei und Müdigkeit macht sich breit, wie es scheint. Und nach und nach mehren sich die Stimmen, die davon schreiben das die Social Media tot seien. Ein Standpunkt zum Wochenauftakt.

(Bildquelle: Flickr, creative location)

Olaf Kolbrück machte letzte Woche den Anfang mit “Social Media: Das Netz der Enttäuschten“. Olaf spielt in seinem Blogpost bewusst den advocatus diaboli und hinterfragt den status quo von Social Media. Er diagnostiziert Social Media Müdigkeit, die so gar nicht im Einklang zu den Mitgliederzuwächsen sozialer Netzwerke wie Facebook und Co. stehe. Studienergebnisse zeigen, das Social Media weniger dem Cluetrain Manifest a lá  “Märkte sind Gespräche” entspricht als vielmehr dem Couponing via Loyoalitätsprogramme auf Facebook. Olaf endet denn auch provokant: “Denn die von Social-Media-Evangelisten so oft postulierten weichen Faktoren und Imageeffekte spielen nicht mal eine Nebenrolle. … Ein Einfluss von Facebook-Seiten auf die Markenwahrnehmung sei nicht nachweisbar.”

Thilo Specht meinte denn auch am Fraitag: “Tschüss Social Media, es ist vorbei! The Passion Haz Gone“. Der umfangreiche Post von Thilo dreht sich kurzgesagt um Leidenschaft vs. Reissbrett. Thilo sagt selbst in seiner Antwort auf meinen Kommentar: “Natürlich ist Social Media nicht am Ende. Vielmehr steht das reißbrettartige Verständnis der Social Media Konzeption und die Kanalmentalität vieler Kommunikatoren vor einem Scherbenhaufen…”

Gestern hat schließlich noch Jürgen Vielmeier nachgelegt: “Es ist vorbei: Ein Abgesang auf den Social-Media-Hype Er kommt zum Schluss: “Social Media war einst interessant und verlor dann an Aufregung. Genau wie andere, frühere Hype-Themen der IT, wie Sicherheit, Drucker oder DSL. Social Media wird uns in Zukunft als Werkzeug begleiten. Und mehr wird es nicht mehr sein.”

Ein bisschen Mut machte gestern dann aber noch André Vatter, der die “Ergebnisse der kleinen Umfrage: Der Stand von Social Media 2011 (80 Teilnehmer) veröffentlichte. “Den vorliegenden Ergebnissen nach zu urteilen, hat sich im Vergleich zu 2010 nicht viel verändert. Es hält sich die Waage; an manchen Stellen hat sich das Engagement sogar verstärkt, zum Beispiel dank Google Plus. Die Nutzung von Location Based Services und der Business-Netzwerke scheint zu stagnieren, was unter anderem daran liegen könnte, dass die großen Drei (Facebook, Twitter und Google Plus) heute ähnliche Services integriert anbieten. Warum also dieser Eindruck der trägen Branche? Ich glaube, dass die Medien dieses Bild mitformen: Es gibt keine Feature-Reportagen mehr. Warum? Weil die Netzwerke in den vergangenen Monaten damit gesättigt wurden: Fotogalerien, Videochat, Locations und Games – das waren die Aufreißer in den Medien. Der Schwerpunkt der Berichterstattung verschiebt sich nun auf die Beobachtung des Social Webs und hier vor allem auf die Einschätzung des Wettbewerbs.”

Social Media, wo bist Du?

Was ist hier jetzt eigentlich los, fragt sich der eine oder andere unter uns, wenn er das so liest. Social Media tot? Social Media sagt Tschüss? Hype vorbei? Es geht in meinen Augen um eine Konsolidierung eines wichtigen digitalen Themas, die längst überfällig war und immer stärker zutage tritt. Allerdings meint wir eher diejenigen unter uns, die in Agenturen arbeiten, Marketingexperten sind oder die sich tagtäglich behände durch das Social Web bewegen, weil sie Feuer und Flamme dafür sind usw. oder alles zusammen in einer Person.

Fragt man allerdings mal privat im Freundeskreis herum, regiert dort mitunter noch die Frage die Gemüter, wofür man neben einem Email-Postfach und einem Facebook Account für Freunde in aller Welt noch weitere Aktivitäten im Netz starten sollte. “Brauchts doch nicht” oder “stresst mich nur” oder “blick ich alles nicht mehr” bekommt man dann zuhören.

Die ganze Diskussion um Sein oder Nichtsein von Social Media ist demnach auch eine Frage der Perspektive. Die zitierten Blogposts kommen eher aus der Perspektive von Kennern und Profis, die eben auch beruflich Social Media anwenden und/oder beraten. Ok, ich unterstelle mal, dass die Grenze zwischen beruflich und privat hier dann auch fließend ist ;)

Social Media ist längst Alltag

Ja, für viele ist es das. Für viele auch nicht. Für Unternehmen, zählt, das was hinten rauskommt. Wenn sie sich zu einem Social Media Engagement entschieden haben, muss dieses profitabel sein.  So einfach wie es sich schreibt, so schwierig ist dies in der Realität. Was kommt nach einem ersten Aufschlag (Vermeidung von Begriffen wie etwa Kampagne)? Wie macht man weiter? Alessandro schreibt immer wieder hier im GREY Blog über gelungene Projekte und fordert langfristiges Engagement ein. Und neben der Profitabilität der Unternehmen steht jene für die Nutzer bzw. Kunden. Welchen Mehrwert bekommen diese geboten? Wie wichtig sind Unternehmen eigentlich ihre künftigen Kunden? Klar kann man kurzfristig mit ner Aktion Erfolg haben, aber in meinen Augen ist Social Media mehr als nur eine Verkaufsaktion via Facebook & Co. Es ist Leidenschaft, wie Thilo zurecht schreibt. Und die dauert an. Besser gesagt: Man lebt sie!

Leidenschaft + Business = Social Media as its Best

Wir alle haben unterschiedliche Auffassungen von Social Media. Für den einen sind es nur Kanäle oder Instrumente. Für den nächsten ist es eine Lebenseinstellung. Und für den Dritten geht es um einen Kulturwandel. Für mich beispielsweise ist Leidenschaft eine elementare Größe für Social Media. Enthusiasmus für Kommunikation finde ich dufte. Wie bekommt man diese Leidenschaft mit den klaren wirtschaftlichen Größen unter einen Hut?

Vielleicht ist das ja ganz einfach: Was Du nicht willst das man Dir tut, das tue auch keinem anderen an. So könnte das klappen. Und das ist jetzt kein weicher Faktor. Denn es ist die Realität, die uns tagtäglich das Social Web vor Augen führt.

Ein Unternehmen macht einen Fehler. Es weiss sich auch nicht zu helfen auf seinen Social Media Kanälen. Was passiert? Es melden sich Kunden oder “Freunde” der Marke, die ihrer Enttäuschung Ausdruck verleihen. Klar, es melden sich auch Berufskritiker, Besserwisser und sehr wahrscheinlich die besondere Spezies der allwissenden und selbsternannten Social Media Experten. Aber alleine die Tatsache, das sich die Kunden auf diesen Kanälen beschweren, führt dem Unternehmen wieder einmal vor Augen, wofür es eigentlich da ist: Für gute, faszinierende, emotional ansprechende, sinnvolle Produkte. Wenn es da hakt, melden sich eben auch inzwischen immer mehr Käufer, Kunden oder Nutzer via Social Web. Und dabei kann man durchaus Einiges verlieren, etwa Umsatz!

Thesen

Schließlich will ich diesen Post nicht ohne ein paar Thesen beenden, die ich mir im Zuge der letzten Woche auch über das eine oder andere Gespräch überlegt habe. Vielleicht habt Ihr ja Lust, sie mit mir zu diskutieren, auch wenn sie ein wenig überzeichnet sind ;)

1. Und jährlich grüßt Social Media: Was jetzt debattiert wird, wurde vor einem Jahr schon diskutiert, halt nur ohne Google+!

2. Social Media ist die Seth Godin`sche riesige Cocktail-Party, auf der Du Dich amüsieren willst. Ist die Party gut, bleibst Du länger als Dir lieb ist. Ist sie schlecht, bist Du der Erste, der sich schleicht.

3. Social Media muss sich professionalisieren, handwerklich wie auch leidenschaftlich, um seine Akzeptanz zu erhöhen!

42 comments
Harald_Nick
Harald_Nick

Ich denke, dass jetzt, nach zwei, drei Jahren des Experimentierens und Erfahrungen Sammelns mit Social Media im professionellen Bereich klar wird, dass Social Media - egal in welchen Unternehmensbereichen es angegangen wird (PR, Marketing, Human Ressources, CRM, Vertrieb etc.) - harte Arbeit ist. Man braucht neben Begeisterung und Leidenschaft auch Durchhaltewillen, Überzeugungskraft und Standfestigkeit. Nicht nur Kunden, sondern auch Vorgesetzten und Kollegen gegenüber.

Wie wahr, wie wahr Johannes - ohne Wissensdurst, Engagement und Leidenschaft übersteht man diese harte Arbeit ständigem Am-Ball-Bleiben-Müssens, Nach-Passenden-Lösungen-Suchens, Sich-Selbst-Infrage-Stellens, Enttäuschtwerdens und Dazulernens nicht!

Dass sich die ob der schleppenden Erfolge im Bereich Social Media Enttäuschten momentan zu Wort melden, hat ja auch was Gutes: Jeder von uns kann seine Argumente ins Spiel bringen, seine Überzeugungskraft testen, und wir alle sollten die allseits aufgeworfenen Fragen zur Sinnhaftigkeit von Social Media bestmöglich parieren können. Dies sorgt für Diskussionen, belebt die Debatte - auch hier sind Märkte Gespräche, die die Branche insgesamt voranbringen.

mcschindler
mcschindler

Social Media ist wie ein neues Rad: aufregend, spannend, wert erforscht zu werden. Wird das Rad dann nicht gefahren und keine Kondition aufgebaut, landet es in der Ecke. Ohne Ziel, Anstrengung und Passion gibt's nun mal kein vorwärts kommen. Warnung: diese Erkenntnis kann unheimlich ermüdend wirken.

countUP
countUP

Sehr lesenswerter Artikel, @johanneslenz . Ich bin mehr des Geredes über Social Media-Müdigkeit leid als über Social Media selbst. Diese Erschöpfung über die gerade soviel geschrieben wird entspringt einer gehypten, aber meist falschen oder zu hohen Erwartung. Und somit gebe ich ebenso @kadekmedien recht, dass wir in der nächsten Zeit noch mehr Horrormeldungen über den ROI von Social Media hören werden.

Das Problem in den Unternehmen sind die Controller, die Sparminister in den Verwaltungen, die keine entsprechenden Zahlen in den Bilanzen sehen außer den Kosten von Social Media. Somit erben Social Media ein altbekanntes Problem aus der PR.

Doch ohne Social Media werden die meisten Unternehmen ebenso wenig (über-)leben können wie auch ohne klassische PR nicht. Hierfür sind Social Media schon viel zu wichtig geworden in unserer Welt. Und wenn Social Media Alltag geworden sind, so werden sie nur Nutzen bringen, wenn Menschen sie mit Verve angehen, sodass ihre Passion mitreißt. Oder es einfach Lust macht, ihnen zu folgen, wenn nicht gar ein Impuls ist, mitzutun. Kurzum: Wer nicht mit Herz dabei ist, wird halt nur einer wie viele andere bleiben.

Die Ermattung über Social Media rührt meines Erachtens daher, dass die "Experten" Sehende unter Sehenden sind und niemanden mehr haben, den sie leiten können. Daher gilt: Nicht darüber reden - machen! Es ist eine Depression dieser Experten, nicht eine, die eine Folge von Social Media ist.

t_krischak
t_krischak

Zu Punkt 3 Ja, Social Media muss sich vor allem handwerklich professionalisieren. Ich finde die Unterschiede zwischen der amerikanischen und deutsche Blogosphäre zum Thema Social Media sehr bezeichnend. Während man sich "drüben" Gedanken darüber macht wie man die Dinge richtig anpackt, indem man z.B. Bücher und Blogpost darüber verfasst wie man den ROI von Social Media-Aktivitäten richtig ermittelt (http://kommunikation-zweinull.de/social-media-roi-wie-kann-man-den-roi-eines-social-media-programms-berechnen/) scheint es mir als wenn man hier Furcht davor hat, dass der ROI in Zukunft nicht befriedigend sein könnte und erklärt Social Media vorsorglich schon einmal für tot, uninteressant, whatever.

Irgendwie seltsam. Dabei wird es doch jetzt gerade ernst. Das Thema ist in der Gesellschaft und auch den Unternehmen angekommen. Natürlich zum Teil auch mit überzogenden Erwartungen. Gerade jetzt ist Professionalität gefragt.

Andre_Hell
Andre_Hell

Zu 1.

Vor einem Jahr waren die "Wir" vom Hype genervt. Ich erinnre mich da an den sehr gehaltvollen Beitrag von Sachar Kriwoj "Don´t call it Social Media" http://www.massenpublikum.de/blog/?p=1666 - Hier ging es auch schon um Passion und um Kommunikation. Heute wird/werden Social Media kritisiert, weil sie den Erwartungen nicht entsprechen. Vor einem Jahr wurde kritisiert, dass die Social Media disNatives das Thema so gehypt haben.

Zu 2.

Klar bleibe ich wenn die Party gut ist.

Zu3.

Professionalisieren - Ja! Mehr Konzepte vom Reißbrett - Nein! Die Ideen müssen von denen kommen, die auch die Umsetzung und den Betrieb begleiten. Nur dann können entsprechende Maßnahmen auf den verschiedenen Kanälen auch funktionieren. Wo wir wieder bei der Passion sind. Bis auf den Betrieb von Social Media Service Kanälen stellt Passion den USP der Maßnahmen dar, aber selbst da merkt man sie auch.

ulresch
ulresch

Schöner Artikel zu Social Media. Einen Punkt finde ich besonders wichtig. Die Perspektive. Vor nicht mal einem Jahr habe ich so gut wie nichts beruflich mit Social Media zu tun gehabt. Heute studiere ich Technikjournalismus, arbeite nebenbei im Online-Marketing und blogge. In dem einem Jahr konnte ich wirklich extrem feststellen wie sich mein Meinung und mein Verhalten gegenüber Social Media geändert haben. Und mal ehrlich...nur weil man eine gewisse Trägheit erkannt haben will soll Social Media tod sein? Medienprofis diskutieren munter drüber, "Laien" nutzen es mehr als je zuvor. Sieht für mich so aus als könnte es einen Umburch geben, aber Tod finde ich etwas übertrieben.

kadekmedien
kadekmedien

Ja, einerseits die immer wiederkehrende Social-Media-ist-tot-Debatte. Andererseits wird es Zeit, dem Hype ein Ende zu bereiten und Social Media als ebenso unverzichtbar wie nicht weiter erwähnenswert zu behandeln wie etwa Telefone oder Kopierer.

Außerdem ist es dringend erforderlich, wieder zu sehen, dass es mehr als Social Networks und Twitter ist. Es sind auch und gerade die Bewertungsplattformen, wo Nutzer ihre Meinungen in einer Art äußern, die Unternehmen nutzen oder schaden kann.

Und es ist hilfreich, den Blickwinkel vom großen supi Social Media-Nutzen für Unternehmen abzuwenden, woandershin auf andere Themen. Es geht nicht nur um Unternehmen, ob die das nun hören wollen oder nicht. Es gibt tolle Leute, die tolle Sachen schreiben, weil sie Spaß dran haben, sich für ihre Themen begeistern, sich mitteilen oder Neues herausfinden wollen. Und das alles hat rein gar nichts mit Unternehmen zu tun. – Niemand will mit seiner Zahnpasta-Marke kommunizieren, und eine nahezu endlos lange Liste weiterer Marken.

Ich hab das Thema ja heute auch aufgegriffen, unter dem von Nico Lumma geposteten Hinweis, dass wir in nächster Zeit noch einige Horrormeldungen zum Thema Social Media ROI zu hören bekommen werden. Und @sabinehaas fragte in ihrem Kommentar eine Frage, die auch gestellt werden muss: »Wann fangen die Unternehmen auf Facebook an, Konzepte umzusetzen, die einen ROI verdienen?« http://kadekmedien.com/2011/09/19/die-horrormeldungen-zum-thema-social-media-roi-haufen-sich-in-nachster-zeit/#comment-1261

Insofern, Social Media ist so tot wie das Telefon, der Kopierer. Lasst es nun nutz- und spaßbringend nutzen, aber nicht mehr drüber reden.

org_network
org_network

Gefällt mir! Sicherlich muss Social Media Marketing professionalisiert werden und sich konsequent den Bedürfnissen der Nutzer / Zielgruppen anpassen.

Wie diese mit Social Media auch noch Geld verdienen können habe ich in einem kleinen Bloginar verfasst. In der kürze liegt bekanntlich die Würze;-)

http://bit.ly/npETv1

@comaronagentur @org_network @nrw_news @seibertrealest

Trackbacks

  1. [...] Ihre Diagnose zutreffend sein sollte: Was können wir, SinnerSchrader und GREY, die wir digitale Kommunikation leben, befördern und realisieren, dazu beitragen, das Ihre Diagnose bald ihre Daseinsberechtigung [...]

  2. [...] Kirstin, Hand auf die Tastatur: Was bringt Euch Social Media in reinen Zahlen (Besucher, Kunden, Umsatz, Listungen bei [...]

  3. [...] sollten wir uns beim Thema Social Media aber auch einfach mal ein Beispiel an den Faultieren nehmen, die seit gestern zeigen, dass sie [...]

  4. [...] “Social Web” ist halt so eine Marke, die Medien brauchen, wenn sie über einen Hype berichten – und eine Marke, die Berater brauchen, um potenziellen Kunden gegenüber [...]

Previous post:

Next post: