“Für mich ist Social Media der definitive Lackmus-Test für die Content- und Dialog-Strategie eines Unternehmens.”

by Johannes on 25. März 2011

Er nennt sich auf Twitter @marcelbernet. Der Name steht zugleich für das Blog der gleichnamigen Schweizer PR Agentur. Marcel Bernet, ihr Gründer, ist zudem Dozent, Buchautor sowie regelmäßiger Autor und Blogger bei der Neuen Zürcher Zeitung in Sachen Social Web. Zuletzt wurde unter der Regie des Zürichers und Barbara Kunert die „Social Media Studie Schweiz: Vom Web 2.0 zum Online-Dialog“ veröffentlicht. Ein Grund mehr, mal ein „Grüezi in die Schweiz“ zu rufen.

Johannes: Grüezi Marcel, 2011 ist zwar schon vorangeschritten, aber ich will es nicht versäumen, auch Dich zu fragen, was Du dir beruflich und wenn Du es verraten magst, auch privat wünschst?

Marcel: Ich nehm’ gleich beides in eine Tüte: Mehr Leichtigkeit beim Wechsel zwischen beruflicher Beschleunigung und privaten Projekten. Dieses Jahr habe ich mir für jeden Monat eine Atelierwoche in die Agenda gesetzt. So düse ich drei Wochen mit noch mehr Druck, damit ich eine Woche an meinen Holzskulpturen arbeiten kann. Mich fasziniert der Wechsel zwischen verschiedenen Welten, er möge mir bis Ende Jahr unbeschwerter gelingen.

Johannes: Privat bloggst oder twitterst Du nicht, soweit ich das übersehe. Oder verschwimmen Deiner beruflichen Aktivitäten im Social Web mit Deinem privaten Tun, wie es auch bei Martin Weigert der Fall ist?

Marcel: Am privatesten ist wohl mein Facebook-Auftritt, da zeige ich auch mal Bilder von einer Bergtour oder von meinen Skulpturen. Aber ganz privat wird’s auch dort nie, ich verzichte bewusst auf Bilder mit Gesichtern oder persönliche Emotionen.

Johannes: In Eurer Studie zu Social Media in der Schweiz kommt Ihr zum Schluss, dass 2/3 der größten Unternehmen in der Eidgenossenschaft Social Media aktiv betreiben, allerdings jedoch ohne Strategie oder Erfolgskontrolle. Das Fazit könnte demnach lauten: Ein gutgemeinter Blindflug durchs Social Web, oder nicht?

Marcel: Viele Unternehmen wagen den Erstflug über den Social Media Kanal ohne klare Messwerte. Im Vergleich zum Cockpit eines Airbus war das Instrumentenpanel der ersten Fokker wohl auch ziemlich rudimentär. Matthias Lüfkens, Mediensprecher des World Economic Forums Davos hat vor zwei Jahren gesagt: «Mit einer Social Media Strategie hätten wir nie etwas umgesetzt.» In der aktuellen Stress- und Lernphase darf schon mal mehr gepröbelt werden. Trotzdem: Blindflug bringt auf die Dauer nix. Weil keine Ziellandungen möglich sind und wohl bald der Sprit ausgeht.

Johannes: Natürlich komme ich nicht umhin, Dich nach GREY zu fragen: Was sagt Dir unsere Agentur und wie nimmst Du sie wahr, sowohl offline als auch online?

Marcel: GREY ist in der Schweiz kaum sichtbar. Ich muss präziser werden: Hier in Zürich und der deutschsprachigen Schweiz nehme ich GREY nicht wahr, seit es nur noch ein Büro in Genf gibt. Die Website der Genfer ist äähm, ziemlich eindimensional. Ganz ungestützt kann ich zu GREY Deutschland nur sagen, dass ich Dich im Bereich Social Media als sehr präsent wahrnehme – mit Eurem Agenturblog, deinem persönlichen Blog und Twitter.

Johannes: Danke für die Einschätzung. Wir werden das intern ansprechen. Aber weiter: Wie hältst Du es mit dem Dialog im Social Web? Ist er für ein Unternehmen Pflicht oder am Ende gar nicht nötig? Für Beides gibt es ja genügend probate Beispiele…

Marcel: Schon zu Zeiten des Internet-Beginns hatte ich meine liebe Mühe mit «Pflicht». Zwang führt nicht zu wirklich guten Konzepten und wirksamen Dialogen. Trotzdem glaube ich, dass Unternehmen an der Dialogisierung des Internet nicht vorbeikommen. Es findet ganz einfach auch ohne sie statt. Wer mitmacht, soll es mit dem Bewusstsein für die Realitäten tun, kombiniert mit realistischen Zielen, reellen Ressourcen und richtiger Kombination von Online, Print und persönlichem Dialog.

Johannes: Als PR-Berater müsstest Du auf eine Kunden-Aussage wie diese eine Antwort haben: „Wir sind bereits im Social Web, machen Twitter und Facebook, aber fragen uns, was wir denn da eigentlich kundtun sollen?

Marcel: Weißt du, für mich ist Social Media der definitive Lackmus-Test für die Content- und Dialog-Strategie eines Unternehmens. Gerade lernen alle den Dialog. Am meisten lernen Unternehmen in Krisen. Was aber wirklich beängstigend oft fehlt, ist Klarheit, Kreativität und Koordination bei den Inhalten. Was bringen die vielen netten Zusatzfilialen auf YouTube, Facebook, Twitter und sonst wo, wenn da nichts Relevantes platziert wird? Der Druck auf relevante Inhalte wird steigen. Unternehmen und Organisationen haben noch nicht verstanden, dass Online das neue Leitmedium ist. Deshalb gibt es noch so viele PDFs auf Webseiten. Und Social Media ist nur ein Teil von Online. «Inhalt ist alles» war das Motto eines Auftritts von PR-Agenturen und IBM, den ich 1996 an der ersten Schweizer Internet-Messe konzipiert habe. Das Motto gilt immer noch. Gute Gesprächsteilnehmer haben etwas Relevantes zu sagen.

Johannes: Wenn Du der Schweiz und ihren Unternehmen ein Social-Media-Attest ausstellen müsstest, was würde drin stehen?

Marcel: Sie sind auf dem richtigen Weg, alle machen Fehler, alle lernen. Ich würde sie einladen, mutiger zu sein. Weniger Angst zu haben vor mehr Kosten bei weniger Kontrolle. Und diesen Mumm mit Gleichmut zu kombinieren. Das: Lassen Sie sich nicht nervös machen, setzen Sie Schritt für Schritt das um, was Ihre unternehmerischen Ziele stützt. Und bleiben Sie gelassen, wenn man faule Tomaten auf sie wirft – der neue Dialog ist nicht immer nett.

Johannes: Zu guter Letzt mit der Bitte um eine Antwort in 140 Zeichen a la Twitter: Wenn Dich jemand fragt, was das Social Web ist, was antwortest Du ihm?

Marcel: Social Web ist ein Schlagwort für alles, was mehr Dialog und Beteiligung ins Internet bringt.

Johannes: Tip Top Marcel, das Du Dir die Zeit für die Fragen genommen hast. Es würde mich sehr freuen, Dich demnächst einmal in Düsseldorf auf einen Espresso begrüßen zu dürfen. Bis bald!

Marcel: Worauf ich mich freue! Gerne halte ich Dir auch einen Platz an unserem Social Media Gipfel frei, wo wir zu Kaffee mit Gipfeli (Schweizer Deutsch für Croissant) und aktuellen Dialog-Erfahrungen einladen. Ähnlich wie Du und André mit dem Düsseldorfer Twittwoch.

 

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