“Erschreckend ist aber in der Tat, dass viele Unternehmen kein Verhältnis zur ihre Marke und ihren Geschichten haben”

by Johannes on 31. März 2011

Er nennt sich auf Twitter @off_the_record. Der Name steht zugleich für das Blog der bekannten Marketingzeitung Horizont. Olaf Kolbrück ist Journalist und Blogger. Dass dies kein Widerspruch ist, wie so oft behauptet wird, beweist er auch in seinem privaten Blog Kolbrücks – Mensch bleiben. Seit 2000 ist er Redakteur bei Horizont und schreibt als „Reporter Internet und E-Business“ vor allem über Themen rund um das Web 2.0 und Social Media. Es war also an der Zeit, Olaf mal ein paar Fragen zu stellen…

Johannes: Hallo Olaf, 2011 ist noch recht jung. Was wünschst Du Dir beruflich und wenn Du es verraten magst, auch privat?

Olaf: Beruflich wie privat: eine gute Verdauung. Sie ist Voraussetzung und Maß für alles weitere.

Johannes: Du bloggst privat. Da stellt sich schon die Frage nach dem Warum? Reicht Dir das Schreiben und Bloggen rund um Horizont nicht? Oder hast Du thematisch noch eine geheime Leidenschaft ;)?

Olaf: Schreiben hat für mich viel mit Lust zu tun. Ich folge also nur einem hedonistischen Prinzip. So manches, was ich schreiben möchte, passt einfach nicht zu Horizont oder zu Off-the-Record. Da ist ein weiteres Blog als thematische Wundertüte ganz hilfreich.

Johannes: Twitter und Facebook – die Helden der Revolutionen in Nordafrika oder auch jetzt in Japan”. Ähnliches konnte man in der jüngsten Vergangenheit hören, sehen und lesen. Was meinst Du? Oder anders gefragt: Was kann das Social Web bei gesellschaftlichen Entwicklungen oder plötzlichen Katastrophen von einem Ausmaß wie jetzt in Japan bewirken?

Olaf: Zuletzt kommt es immer auf die Menschen und ihre Handlungen im physischen Leben an. Das Social Web kann allerdings ein mächtiges Werkzeug sein, weil es den Alltag der Menschen berührt: für die Vernetzung, für den Austausch, für die Information, für die Multiplikation von Meinungen und Stimmungen, um sich zu organisieren. Aber letztlich kommt es darauf an, dass ein “Like” in Handlungen umgesetzt wird. Eine Fanpage, ein Tweet verändern nicht die Welt, aber sie können ein Treiber sein, weil sie dem Einzelnen zeigen, dass er mit seinen Wünschen nicht alleine ist. Das kann ein machtvolles Momentum erzeugen.

Johannes: Du kommentierst unter Deinem Nick off the record sowohl auf Twitter als auch im Blogs selbst rund um die Themenbereiche Marketing, Werbung und Medien durchaus kritisch neueste Kampagnen oder Entwicklungen. Wenn Du eine kurze Zustandsbeschreibung für jeden der drei Bereiche treffen müsstest, wie würde sie lauten?

Olaf: Für alle drei gilt gleichermaßen: Wir erleben in diesen Branchen den wahrscheinlich spannendsten Umbruch seit dem Buchdruck, mindestens aber seit  Ernst Litfaß das “Institut der Anschlag-Säulen” gegründet hat. Dem Wandel zum Trotz bleiben aber die ehernen Gesetze der jeweiligen Branche bestehen.  Knapp gesagt: Du sollst nicht langweilen.

Johannes: Natürlich komme ich nicht umhin, Dich nach GREY zu fragen: Was sagt Dir unsere Agentur und wie nimmst Du sie wahr, sowohl offline als auch online?

Olaf: GREY ist für mich ein der großen, erfahrenen Marken im Agenturbusiness. Vielleicht nicht so hip wie manch ein Newcomer, aber immer verlässlich und gut. Quasi so etwas wie Persil oder Miele. GREY ist nicht bloß eine Werbeagentur, sondern eine Persönlichkeit.

Johannes: Danke Olaf! Wie hältst Du es mit dem Dialog im Social Web? Ist er für ein Unternehmen Pflicht oder am Ende gar nicht nötig?

Olaf: Es gibt für Unternehmen im Kern nur eine Pflicht – gute Produkte.  Wie und wo die Kommunikation dazu stattfindet,  hängt von der Zielgruppe ab. Wenn die im Web ist, bitte schön, dann muss ich als Marke auch da sein und gesprächsbereit sein. Geredet wird dort über die Marke ohnehin. Da nicht dabei sein zu wollen wäre fahrlässig. Denn der Dialog kann Barrieren überwinden. Er stellt Beziehungen her, schafft Vergemeinsamung. Nicht mit dem Kunden zu reden, dass können sich nur Marken erlauben, die an anderer Stelle derart Lautstärke erzeugen oder so viel Sehnsucht auslösen, dass der Kunde ihre Stille akzeptiert. Oder stört sich jemand daran, dass Apple keinen Facebook-Account hat? Alle anderen sollten begreifen, dass Dialog nicht nur dazu dient, Kunden zu verhätscheln, sondern auch beiträgt, selbst zu lernen und besser zu werden. Das wissen ja selbst jene, die bislang nur auf ihre “Bio-Twitterer”, sprich Außendienstler, bauen.

Johannes: Neulich hast Du bei t3n im Rahmen der Webciety auf der Cebit im Interview gesagt: “In Social Networks sind meine Kunden, also muss ich in Social Networks sein.” Provokativ gefragt: Ist das nicht der Zweite vor dem Ersten Schritt? Muss vorher nicht hinterfragt werden, was ich als Unternehmen überhaupt meinen Kunden, wenn diese sie sich in den Social Networks überhaupt aufhalten, anbieten möchte bzw. worin der Mehrwert für sie bestehen soll?

Olaf: Ich sehe da keinen Widerspruch. Natürlich muss ich mich vorher fragen, was ich über Marke und Produkt erzählen will, wenn ich mich an dieser digitalen Tupperware-Party beteilige.  Erschreckend ist aber in der Tat, dass viele Unternehmen kein Verhältnis zur ihre Marke und ihren Geschichten haben – und nicht wissen, welche Geschichten sie dem Kunden erzählen sollen. Trotzdem lassen sie sich dann ins Social Web treiben und wundern sich, warum sich alle langweilen: Kunden und Marke.  Das kann man aber ändern, wenn man die Mitarbeiter und Kunden ins Boot holt. Die kennen ihre Marke nämlich oftmals sehr genau. Besser vielleicht als manch ein Marketer, dessen Logo auf den Excel-Sheets alle zwei Jahre wechselt.

Johannes: Zu guter Letzt mit der Bitte um eine Antwort in 140 Zeichen a la Twitter: Wenn Dich jemand fragt, was das Social Web ist, was antwortest Du ihm?

Olaf: Das Social Web ist mehr als die Summe seiner Teile.

Johannes: Vielen Dank Olaf, das Du Dir die Zeit für die Beantwortung der Fragen genommen hast. Es würde mich sehr freuen, Dich demnächst einmal in Düsseldorf zu treffen. Wie bei den bisherigen Interviewpartnern auch möchte ich es nicht versäumen, auch Dir zu sagen: Auf einen Espresso und bis bald!

Olaf: Gerne. Ich weiß, euer Kaffee ist gut und aller Vernetzung zum Trotz ist das direkte Gespräch durch nichts zu ersetzen.

2 comments
Berthold Barth
Berthold Barth

Klasse Interview.

Unternehmen wie Apple haben den Zenith der Kommunikation erreicht: Ihr Produkt alleine kommuniziert so viel, und wird durch Fans derart verstärkt, dass sie gar nicht mehr selbst reden müssen. Gegen dieses gedämpfte Kerzenlicht, diese romantische Musik, diesen Duft von Rosen und das Glas Schampus neben dem Bett wirkt der Rest der Branche, der sich scheinbar um die blödesten Werbespots der Welt prügelt, wie ein handgekritzeler "Willst Du mit mir gehen - Ja Nein" - Zettel.

Was ich allerdings bedauerlich finde ist dass der Mittelstand und StartUps (und da nehme ich meinen eigene Anlauf nicht aus) viel zu häufig versuchen diese Strategien zu kopieren. Ein persönlicher Anruf, der 5 Minuten meiner Zeit kostet, ist in dieser Phase ungleich mehr wert, als das gesamte Jahresbudget in einen Spot im Lokalradio zu investieren. Oder sein Auto mit seiner Telefonnummer zu zu kleistern. All diese Methoden der Massenwerbung können sich große Unternehmen erlauben, weil sie einfach nur auf Retention aus sind, und oft gar nicht mehr in der Lage und Willens agil und direkt mit einem Kunden zu kommunizieren. Hierin liegt gerade die Stärke des Mittelstandes; persönlich, verbindlich, erreichbar.

Insofern tut uns das Internet einen Riesengefallen: Es erlaubt uns, aus der Ferne potenzielle Fans ausfindig zu machen, ihnen unser Produkt in die Hand zu geben und durch Feedback und Multiplikatoren das zu schaffen, was früher langwierige Prototypen-Prozesse und Fokusgruppen bedingt hat.

Johannes
Johannes

Vielen Dank Berthold für den ausführlichen und netten Kommentar!

Viele Grüße

Johannes

Trackbacks

  1. [...] gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel, aber wenn man schaut, mit welchen Projekten sich diese Marken zurzeit beschäftigen, dann sieht man, dass sie alle eines gemeinsam haben: sie machen sich bei [...]

  2. [...] Letztes Jahr hatte ich das Vergnügen, Olaf Kolbrück hier im GREY Blog zu interviewen. Darin erklärte Olaf unter anderem: “Wie und wo die Kommunikation dazu stattfindet,  hängt von der Zielgruppe ab. Wenn die im Web ist, bitte schön, dann muss ich als Marke auch da sein und gesprächsbereit sein. Geredet wird dort über die Marke ohnehin. Da nicht dabei sein zu wollen wäre fahrlässig. Denn der Dialog kann Barrieren überwinden. Er stellt Beziehungen her, schafft Vergemeinsamung. Nicht mit dem Kunden zu reden, dass können sich nur Marken erlauben, die an anderer Stelle derart Lautstärke erzeugen oder so viel Sehnsucht auslösen, dass der Kunde ihre Stille akzeptiert. Oder stört sich jemand daran, dass Apple keinen Facebook-Account hat?” (Zum Interview) [...]

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