“Mobile Web und Location Based Services sind für mich momentan der Motor des Webs”

by Johannes on 16. Dezember 2010

Florian Treiß ist vermutlich bisher nur eingefleischten Turi2 Lesern ein Begriff. Turi2 ist eine der bekanntesten Webseiten, die täglich aktuell Medienmacher – Journalisten, Blogger und Strategen in Unternehmen – über die neuesten und aktuellsten Entwicklungen in den Medien auf dem Laufenden hält. Gegründet wurde Turi2 von Peter Turi, der zuvor u.a. Chefredakteur des Mediendienstes Kress war und diesen 1996 ins Internet gebracht hat. Florian ist der Mann hinter den täglichen Newslettern und stellvertretender Chefredakteur. Und er ist Leipzig verbunden, was mich besonders freut, habe ich dort doch einen Teil meines Studiums verbracht. Zuletzt war Florian auf der Le Web, einem der wichtigsten wenn nicht dem wichtigsten europäischen Event für alle diejenigen, die sich mit dem Internet befassen. Kurzum: Ich musste Florian einfach ein paar Fragen stellen…

Johannes: Hallo Florian, die Eindrücke der Le Web schon verarbeitet? Was hat Dich bewogen, von Leipzig nach Paris zu fahren?

Florian: Mich faszinierte die Idee, den größten Onlinekongress Europas zu besuchen und dabei möglichst viele interessante Q&As und Reden von vielen führenden Vertretern der Branche zu hören, von dort live zu twittern etc. Und das schöne an Paris ist: Ich konnte das gleich noch mit einem Mini-Urlaub mit meiner Frau verbinden.

Die Konferenz hat sich auf jeden Fall gelohnt – und zwar nicht nur wegen der „Stargäste“, sondern z.B. auch wegen des spannenden Formats Ignite, bei dem zehn Sprecher nur jeweils fünf Minuten Zeit hatten, ein spannendes Thema zu präsentieren, wie z. B. Matthias Lüfkens vom Weltwirtschaftsforum Davos, der eine heitere Präsentation zu „Twitter-Diplomatie“ gab. Oder der 18-jährige Ricardo Sousa aus Portugal, der meinte, „Teen Enterpreneurs“ könnten die Welt verändern.

Johannes: Wie viele andere habe ich ja den Turi2 Newsletter abonniert. Ein großer Teil der Meldungen darin bezieht sich auf die „traditionellen Medien“, wenn ich das richtig sehe. Entwicklungen im Web (auch weltweit) rund um Information, Markenführung usw. haben offensichtlich einen geringeren Stellenwert. Warum ist das so oder täusche ich mich?

Florian: Unsere Zielgruppe sind v.a. die „Medienmacher“ in Deutschland. Ein Großteil der Abonnenten kommt nun mal aus klassischen Medienunternehmen wie Springer, Burda, ProSiebenSat.1 etc. – und denen wollen wir zweimal am Tag ein maßgeschneidertes Infopaket zusammenstellen, das eine Mischung aus moderner Presseschau, Online-Clipping und der Bewertung der Branchentrends darstellt. Sozusagen ein „Best-of“, wozu vielleicht auch der Begriff „kuratierter Content“ passen würde. Und in diesem Sinne berichten wir schon über sehr viele Entwicklungen im Web, achten dabei aber besonders auf die Schnittmenge mit klassischen Medienhäusern. Das sind aktuell v.a. Themen wie Paid Content, Mobiles Web, Apps, Social Networks, Crowdsourcing etc. So sind Berichte über Start-ups für uns v.a. dann interessant, wenn sie einen Bezug zur Medienbranche haben – sei es, weil sich Verlage an ihnen beteiligen, sie eine neuartige Konkurrenz wie z.B. KaufDa oder weil sie Innovationen anbieten, die für Medienhäuser interessant sind. Um den Newsletter nicht zu sehr zu überladen, nehmen wir aus den Bereichen Agenturen, Werbung, Marken etc. meist nur die ganz großen Themen oder verlinken spannende Hintergrundberichte in der Rubrik Background.

Johannes: Du hast in Leipzig Journalistik studiert. Heutzutage bloggst Du privat unter trice.de. Ich dachte, Blogger könnten keine Journalisten sein ;)

Florian: Ich finde, dass ist doch ein gutes Beispiel für die Medienkonvergenz. Alles wächst ja irgendwie zusammen. Ich z.B. habe während meines Journalistik-Studiums mein Blog als Spielwiese genutzt, wo kein Redakteur und Verlag zwischengeschaltet war, und wiederum über Medienthemen gebloggt. Darüber ist Peter Turi auf mich aufmerksam geworden.

Turi2 startete auch als Medienblog. Erst später entwickelte Peter Turi unseren Ansatz, das Blog zweimal täglich als Newsletter zu verschicken. Unsere Website ist bis heute software-technisch gesehen ein Blog, wobei inhaltlich gesehen die angeblich so Blog-typischen Dinge wie die Subjektivität und die Kommentar-Schlachten abgenommen haben. Wir sehen das einfach als praktische CMS-Lösung, die nicht zehntausende von Euros für Programmierer verschlingt.

Johannes: Im Rahmen Deines Jobs hast Du thematisch einen Schwerpunkt gefunden: Das mobile Internet. Welche Entwicklungen erwartest Du in naher Zukunft in diesem Bereich? Und wie hoch schätzt Du die Relevanz von Mobile Advertising ein?

Florian: Auf den Schwerpunkt Mobile Web bin ich u.a. gekommen, weil mich meine Studenten der Hochschule Ostfalia, wo ich vergangenes Semester einen Lehrauftrag hatte, darum baten, einen Vortrag über einen mir wichtigen Internettrend zu halten. Da stand für mich außer frage: Ich spreche über Mobile Web und Sub-Trends wie Location Based Services, das ist für mich momentan der Motor der weiteren Entwicklung des Webs. Morgan Stanley prognostiziert z.B., dass mobile Internetzugänge den stationären Zugang bereits 2014 überflügeln werden.

Ich bin skeptisch, dass die „Mobilmachung“ der Medienunternehmen nun dafür sorgen wird, dass bislang kostenlose Medieninhalte im Mobilen Web kostenpflichtig werden und die vermeintliche „Gratis-Kultur“ des Webs durchbrochen wird. Von daher ist Mobile Advertising sehr relevant! Die Multimillionen-Akquisitionen von Google und Apple in diesem Bereich zeigen, wie wichtig das Thema ist. Selbst nutze ich z.B. seit einigen Wochen ein Android-Smartphone. Dieses Betriebssystem gewinnt rasant an Relevanz und wird die Bedeutung des iPhones bald überflügeln. Aber kostenpflichtige Angebote von Verlagen sind auch hier wieder Fehlanzeige und der Zug könnte schon bald abgefahren sein, denn es gibt zum einen tolle kostenlose Nachrichtenapps, zum anderen kann man mit Android noch besser reguläre Websites ansteuern als mit dem iPhone, denn Android unterstützt Flash. Die wichtigste Finanzierungsmöglichkeit wird also auch im Handy-Internet wohl Werbung sein. In Kombination mit Standortdaten ist hier zudem ein noch vieles besseres Targeting als im stationären Web möglich, was die Attraktivität in Kombination mit der rasanten Ausbreitung des Mobilen Webs immer interessanter für Werbungtreibende macht.

Johannes: Apropos Advertising? Was fällt Dir zu GREY ein?

Florian: Eure Studie „Homo Connectus“ fand ich sehr spannend, ich mag solche Typisierungen von Nutzertypen sehr. Und die Studie unterstreicht auch sehr die Bedeutung des Mobile Web, was meine vorherigen Thesen unterstützt. Was Mandanten und Kampagnen von Grey angeht, habe ich allerdings Nachholbedarf, da ich doch mehr mit redaktionellen Medieninhalten vertraut bin als mit Werbung an sich.

Johannes: Nochmal zu Turi2. Kannst Du etwas zur Reichweite von Turi2 über alle Kanäle, die Ihr bedient, sagen? Wird es in 2011 Neuerungen bei Euch geben? Wenn ja welche?

Florian: Wir sind stolz auf eine sehr spitze Zielgruppe im Bereich Medienmacher, wo wir etwas über 25.000 Abonnenten zweimal täglich mit unserem Newsletter beglücken. Vom Wettrennen um tolle IVW-Zahlen haben wir uns hingegen verabschiedet, das ist für die Fachwerbung, die wir bringen sowieso kein so relevantes Argument wie die spitze Zielgruppe. Wen die IVW-Zahlen trotzdem interessieren: turi2 kommt auf rund 340.000 Visits im Monat, was fast genau den 333.000 Visits vor zwölf Monaten entspricht. Bei Twitter dürften wir noch vor Weihnachten die Marke von 10.000 Followern knacken. Wir sind übrigens eines der ersten Medien, das in Deutschland seinen Twitter-Stream für Werbung geöffnet hat, das war im April 2009.

Ansonsten gilt für 2011: Never change a running system. Von daher wird auch 2011 für uns v.a. im Vordergrund stehen, die Qualität unserer Meldungen noch einmal zu steigern. Wir haben in der Vergangenheit viel ausprobiert wie etwa Video-Interviews, aber die sind verhältnismäßig teuer, schwer refinanzierbar und können eben auch nicht direkt im Newsletter angeschaut werden, unserem wichtigsten Standbein.

Johannes: Abschließend mit der Bitte um eine Antwort in 140 Zeichen a la Twitter: Wenn Dich jemand fragt, was das Social Web ist, was antwortest Du ihm?

Florian: Personalisierbares Informationssystem, das mobil macht und je nach Gusto & Plattform zur Pflege von engen und losen Kontakten genutzt wird.

Johannes: Danke Florian für das Interview. Sobald Du mal am Rhein bist, sag Bescheid und wir treffen uns auf einen Esspresso!

Florian: Sehr gern!

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